Kritik 21.11.2022

Vom Wandern und Verweilen

An der Schwelle / Nikos Konstantakis
© Alessandro De Matteis

Regisseur und Schauspieler Nikos Konstantakis und Cellist Fernando Nina aka Sugar Cello zeigen in der BOX in Köln die Wiederaufnahme der Deutschen Erstaufführung des Monologs „An der Schwelle“ von Glen Berger. Sie nehmen das Publikum mit auf die abenteuerliche Spurensuche einer liebenswert schrulligen Figur quer durch die Welt. Unsere Autorin begab sich mit auf die Reise.  

Wir befinden uns im Jahr 2018 in Hoofddorp, Holland, wo ein Bibliothekar eigentlich nur seiner regulären Arbeit nachgehen will: Er stellt sein vorbereitetes Mittagessen in den Kühlschrank, er ermahnt Bibliotheksbesucher*innen leise zu sein, er holt aus dem Nachtschlitz die außerhalb der Öffnungszeiten zurückgegebenen Bücher. Der pflichtbewusste Mann ist empört, als er einen zerfledderten Reiseführer vor sich hat, der ganze 145 Jahre verspätet zurückgebracht wurde. Jedoch – der Absender ist aus China? Im Buch findet er, noch rätselhafter, einen Wäschereibeleg aus Dublin. Seine Empörung schlägt in Neugier um und er beschließt, den Spuren des unbekannten A. zu folgen. Somit begibt er sich auf eine Reise durch vier Kontinente und 145 Jahre Zeitgeschichte. 

Die kleine Bühne in der BOX in der Kölner Südstadt ist eingerichtet mit einem großen Schrankkoffer und einer Leinwand, auf die im Lauf des Stücks immer wieder Jahreszahlen und Reisefotos projiziert werden. Regie an diesem Abend führte Darsteller Nikos Konstantakis selbst. In dem Monolog bringt er uns eine liebenswerte Figur nahe, die sich von ihrem alten Leben, ihren Sicherheiten und Pflichten lossagt und neugierig ist auf die Welt. Musikalisch gestaltet wird die Geschichte durch das Cellospiel von Fernando Nina.

An der Schwelle / Nikos Konstantakis

© Alessandro De Matteis

Mit seinem E-Cello sitzt er seitlich auf der Bühne, begleitet und kommentiert das Geschehen mit seinem Instrument. Konstantakis schafft es, trotz der Monologlänge von 85 Minuten, die Geschichte des Bibliothekars mit viel Witz zu und gleichsam spannend zu performen. Wir erleben, wie der Bibliothekar aus seinem Alltag ausbricht, den Spuren von A. in alle möglichen Städte folgt und zu immer mehr Erkenntnissen gelangt. Der Monolog ist zugleich Reisebericht und aufregende Detektivgeschichte. Kostümbildnerin Eleonora Pedretti illustriert dabei seine Berufung mit einer Anzughose und einer Weste bedruckt mit Handschriften und Schriftstücken, um den Hals trägt er pflichtbewusst den Datumsstempel aus der Bibliothek an einer Kette. Der liebevolle Detailreichtum sticht an diesem Abend besonders hervor: Im menschenhohen silbernen Schrankkoffer verbergen sich sorgsam nummeriert die Hinweise, die sich auf dem Weg finden, so etwa Liebesbriefe, Zugtickets und eine zerschlissene Hose. Auch der Koffer selbst dient auf verschiedenste Weise als Spielkulisse. Die etwas altmodische Urlaubsdia-Präsentation auf der Leinwand fügt sich in die Erzählung des sympathisch schrulligen Protagonisten ebenso passend ein.  

Schließlich entwickelt die Figur eine Theorie, wer der mysteriöse A. sein könnte: Er hinterließ Spuren auf sämtlichen Kontinenten über einen Zeitraum von mehr als einem Jahrhundert, ohne jedoch lange an einem Ort zu verharren? Sollte es sich bei A. vielleicht um den „Ewigen Wanderer“ handeln? Der Sage nach soll dieser Jesus auf dem Weg zur Kreuzigung auf seiner Türschwelle den Zutritt zu seinem Haus verweigert und ihm so eine letzte Pause verwehrt haben. Jesus soll daraufhin gesagt haben: „Ich will stehen und ruhen, du aber sollst gehen!“. Damit war sein tragisches Schicksal besiegelt und der Verweigerer konnte nunmehr nur noch wandern, nie verweilen und auch nicht sterben. In „An der Schwelle“ endet die Geschichte des Bibliothekars damit, dass er dem ewigen Wanderer nachfolgt: Er emanzipiert sich von seinem alten Leben und geht raus in die Welt. Eine ermutigende Geschichte für alle, die vom ewig gleichen Alltag angeödet, die sich in einem Korsett aus Pflichten eingeschnürt fühlen.  

 Jedoch stößt man bei der Recherche über den ewigen Wanderer schnell darauf, dass die Geschichte seit Jahrhunderten ein stark antisemitisches Narrativ bedient: Die auch als „Der ewige Jude“ bekannte Erzählung beschreibt eine explizit jüdische Figur, welche die Massen gegen Jesus aufgebracht und ihm schlussendlich noch eine letzte Pause verweigert haben soll. Die Geschichte spielte so zum Beispiel in der antisemitischen Propaganda des Dritten Reichs eine Rolle. An diesem Abend geht es weder um einen Menschen jüdischer Herkunft noch um jemanden, der Jesus verspottet haben soll. Jedoch stellt sich mit dem Wissen um die Rezeption der Erzählung die Frage, ob diese so unkommentiert von Autor Glen Berger im Stück und vom Team des Abends auf der Bühne repräsentiert werden kann. Nachdenklich gehe ich aus dem Abend, der mich unterhalten hat, aber auch Fragen danach aufwirft, ob sich Geschichten so uminterpretieren lassen. 

Kommentare

Laura Becker
Laura Becker
studierte Philosophie und Soziologie und lebt in Köln. Neben ihrer Autorinnenschaft bei kritik-gestalten, schreibt sie für FIDENA und ist freischaffende Produktionsleiterin und Dramaturgin sowie Teil der Projektagentur Local International in Bonn.